Glauchau, 20. Oktober 2009

Christian Führer „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam.“

Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche zu Gast in der Stadt- und Kreisbibliothek Glauchau. In diesen Tagen wird an vielen Orten unseres Landes des 20. Jahrestages der Friedlichen Revolution gedacht. So auch am Freitag, dem 16. Oktober 2009, als zahlreiche Gäste die Einladung der Stadt- und Kreisbibliothek Glauchau in den Konzertsaal des Schlosses Forderglauchau annahmen und eine bedeutende Persönlichkeit der Friedlichen Revolution live erleben konnten. Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, Christian Führer, stellte sein in diesem Jahr erschienenes Buch „Und wir sind dabei gewesen. Die Revolution, die aus der Kirche kam.“ vor.

Christian Führer

Nach einem herzlichen Empfang stimmte der Pfarrer mit dem Hinweis, dass das Buch nicht den Anspruch erhebt, literarisch vollkommen zu sein, es sei einfach nur die mit seinen Worten wiedergegebene Schilderung seines Lebens, auf den Abend ein. Und so erzählte Christian Führer wohl mehr als dass er las: von seiner behüteten und doch nicht leichten Kindheit als Sohn eines Pfarrerehepaares in der DDR, von seinem Studium, seinem geradlinigen beruflichen Werdegang –er war bereits mit 25 Jahren ordinierter Pfarrer-, von seiner Frau Monika und seinen vier Kindern.

1980 wurde er als Pfarrer an die Nikolaikirche in Leipzig berufen. Hier kam es dann auch zum ersten Treffen der „Friedensdekade“, zu der sich 130 Jugendliche einfanden, von der Staatssicherheit mit den Worten „130 Elemente füllen den Altarrraum der Nikolaikirche“ erfasst. Aus diesen Treffen entstanden die wöchentlichen Friedensgebete, die Montagsgebete.

So wurde die Nikolaikirche zu einem Ort, an dem jeder seine Meinung kund tun konnte und alle Menschen, auch die Rand- und Protestgruppen in der DDR, willkommen waren. Führer wollte „eine Kirche ohne Sperren, die Eingangsschwelle ist niedrig. Es gibt keine großen Barrieren für Rollstuhlfahrer und Atheisten gleichzeitig“ , und das war ihm mehr als gelungen. Am 9. Oktober 1989 wurde das Friedensgebet von mehr als 2.000 Menschen besucht und rund 70.000 nahmen am Demonstrationszug durch die Leipziger Innenstadt teil.

Dass an diesem Tag, an dem die Staatssicherheit ihre Einsatzkräfte zur Zerschlagung der Demonstration bereits mobilisiert hatte, niemand verletzt wurde, grenzt für Christian Führer an ein Wunder. Er formulierte es mit den Worten: „Mit allem hat die Staatssicherheit gerechnet. Aber nicht mit Kerzen und Gebeten.“ Die Menschen trugen die Bergpredigt Jesu in zwei Worten aus der Kirche „Keine Gewalt“. An diesem Abend war die DDR nicht mehr dieselbe wie vorher. Damit beendete Christian Führer seine Lesung, die nicht zuletzt durch die eingespielten Choräle von J.S. Bach und G.A. Homilius auch zu einem Ort der Andacht geworden war.

Im Anschluss machte das Publikum regen Gebrauch von Führers Angebot, auf Fragen zu antworten, was er dann in seiner ihm eigenen aufgeschlossenen und lockeren Art auch tat. Das Publikum dankte Christian Führer mit lang anhaltendem Beifall und als Präsent erhielt er neben dem obligatorischen Blumenstrauß eine neue Jeansweste –die Jeansweste wurde ja mittlerweile zu Führers Markenzeichen, man sieht ihn auch auf dem Titelbild seines Buches damit-, worüber er sehr erfreut war, da es mittlerweile schwer wäre, Jeanswesten zu bekommen, da sie nicht mehr aktuell sind. Das ist etwas, was man von Christian Führer wohl nicht behaupten kann, denn auch heute ist er nicht verstummt, setzt sich für Arbeitslose ein, kämpft gegen Rechtsradikalismus, die Verklärung der DDR und gegen die Schließung traditioneller Unternehmen.

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